Was verstehen wir unter Kultur?

Was ist Kultur eigentlich? Das Wort hat seinen Ursprung im lateinischen colere (= bebauen, bestellen) und bezeichnet ganz allgemein die Art und Weise, wie die Menschen ihr Leben gestalten – mitsamt den „Produkten“ des Denkens und Schaffens. „Kultur“ gehört zu den Begriffen, die in der Gesellschaft sowie den Geistes- und Sozialwissenschaften am häufigsten gebraucht werden. Dennoch bleibt der Ausdruck im alltäglichen Sprachgebrauch meist ohne feste Bestimmung und wird im Alltag in unterschiedlichster Form benutzt, wie in den Wörtern Alltagskultur, Diskussionskultur, Esskultur, Fankultur, Firmenkultur, Fußballkultur, Populärkultur, Subkultur und vielen weiteren Zusammensetzungen (z. B. Kulturlandschaft, Kulturtechniken, politische Kultur).  

Ein besseres, sprich exakteres Verständnis der Inhalte des Wortes Kultur bekommen wir aber, wenn wir einen Blick auf die Feste, Mythen, Rituale einzelner Völker werfen – sie reflektieren sozusagen das geistige und materielle Leben, aus dem sie entstanden sind, und werden damit zu Spiegelbildern kultureller Bedürfnisse und Entwicklungen. 

 

Ein Urtrieb der Menschen ist die Suche nach Sicherheit, nach festen Bezugspunkten im Chaos der Welt. Mythen, Rituale, Feste erfüllen dieses Bedürfnis. Sie strukturieren das Leben, durchbrechen den Alltag, sie begleiten den Wechsel der Jahreszeiten und markieren herausragende Ereignisse sowohl in der Geschichte als auch im individuellen Lebenslauf. 

 

Die Mehrheit dieser Feste und Rituale, darunter auch einige in Europa, sind unter Europäern wenig oder gar nicht bekannt, ganz zu schweigen von den Bräuchen in Guatemala, Tibet, Alaska, Vietnam oder Indien. Doch wer verstanden hat, warum und auf welche Art ein Fest gefeiert wird, der hat etwas von dem Volk, das feiert, verstanden. Jeremy Hunter erklärt, welche Feste Buddhisten, Christen, Hindus, Moslems, Juden und andere Gläubige alljährlich begehen. Die Chronologie führt zu einem ungeheuer abwechslungsreichen Aufbau, da Hunter zu den unterschiedlichsten Jahreszeiten über 70 Länder bereiste (siehe Quellenangaben im Anschluss). 


Viele Bräuche und Riten unseres Kulturkreises entstammen der Natur. Sie orientieren sich am Jahreskreislauf und gehen in ihren Ursprüngen auf den Stand von Mond und Sonne zurück. Das Wissen um diese Traditionen ist häufig nur noch im ländlichen Raum verbreitet – und dort sind diese Traditionen auch heute noch lebendig. Menschen brauchen Riten und Traditionen. Sie geben ihnen Halt und Kraft, sie spenden Sinn und Orientierung. Häufig greifen wir auf Riten aus ganz fremden, für uns exotischen Kulturkreisen zurück, weil auch wir diese tiefe Sehnsucht in uns spüren. Dabei ist unser eigener Kulturkreis reich an Traditionen. 

 

Besonders interessiert an (fremden) Kulturen und Gebräuchen und auch empfänglich für deren Inhalte und Zwecke sind Kinder: Eine nigerianische Stielrassel selbst herstellen oder ist ein japanisches Samurai-Schwert cooler? Aus Perlen einen Love Letter der Zulu fädeln oder lieber eine Mola aus Panama nähen? Ein Bumerang aus Australien oder Regenmacherstäbe aus Peru? Im Buch von Eva Hauck lernen Kinder viele Dinge aus Afrika, Asien, Australien und Ozeanien, Europa, Mittel- und Südamerika sowie Nordamerika kennen und erfahren, wie man sie selbst herstellen kann. Die Kids bekommen so einen Zugang zu fremden Ländern und Bräuchen. Bei der Erstellung dieses Buches haben Mitarbeitende des Ethnologischen Museums sowie des Museums für Asiatische Kunst, Berlin, und auch viele Kinder mitgewirkt. 

 

Gibt es eine „Esskultur“?

„Kochen ist die älteste, schöpferische Tätigkeit des Menschen. Durch Kochen bringen Menschen ihre Weltsicht zum Ausdruck!“

Prof. Peter Kubelka (österreichischer Künstler und Filmemacher)

Welche Bücher haben mich inspiriert?

Ein Lächeln versteht man überall – aber wie wir spielen, feiern, glauben, sprechen, uns kleiden und vor allem essen – all das ist abhängig davon, wo und wie wir aufgewachsen sind. Richtig oder falsch gibt es dabei nicht, lediglich anders ist richtig. Wo begrüßt man sich mit einem Wangenkuss? Und warum reicht man sich woanders lieber die Hand? Wir alle feiern gerne Feste, aber nicht alle feiern Weihnachten. Warum glauben viele von uns an einen Gott und warum hat dieser ganz unterschiedliche Namen? Wer oder was bestimmt, wie wir uns kleiden, was wir essen? Unsere Geschichte, das Klima eines Landes – all das kann beeinflussen, warum wir vieles unterschiedlich tun. 

 

Faszinierende Erkenntnisse – vor allem zum Thema Essen – hat Christian Seiler in seinem Buch erlangt. Er probierte alle möglichen und unmöglichen Gerichte – von der Spitzengastronomie über den Marktstand bis zur Feuerstelle (mit vielen Rezepten zum Nachkochen). 

 

Wer sich mit der Geschichte der Ernährung des Menschen auseinandersetzen will, stößt unweigerlich auf einen ganzen Kosmos von Möglichkeiten: ein weites Feld ist die menschliche Kulinarik, hat sich das Tier Mensch als faktischer Allesfresser doch ein großes Spektrum an Nahrungsmitteln erschlossen und zum Teil erst durch Bearbeitung verzehrbar gemacht. Das Buch „Essen – Kultur, Tradition, Herkunft!“ gibt nicht nur einen Überblick, sondern führt buchstäblich durch die ganze Welt des Essens und setzt den Fokus dabei auf die einzelnen Lebensmittel – Obst, Gemüse, Getreide, Gewürze und natürlich auch Lebensmittel tierischen Ursprungs. Dabei wird in einzelnen Porträts zum einen auf die Ursprünge des jeweiligen Lebensmittels, aber auch damit verbundene Traditionen, Anbau und Zucht, Verarbeitungsvarianten, verbunden mit mancher amüsanten Geschichte und zum Teil verblüffenden Fakten: so zählt Deutschland zu den weltweit bedeutendsten Exporteuren von Wildbret, was mir bisher auch nicht bekannt war.

Ein heißer Tipp für Kinder ist Wimmelbuch von Giulia Malerba und Febe Sillani. Es beinhaltet eine aufregende kulinarische Reise um die Welt für kleine und große Entdecker. Große farbige Karten zu allen Kontinenten und vielen einzelnen Ländern zeigen, wie sich die Menschen in verschiedenen Gegenden der Erde ernähren, was sie anbauen und herstellen und wo bestimmte Lebensmittel herkommen, die wir auch bei uns zu Hause genießen. Die liebevollen und detaillierten Illustrationen zeigen typische Speisen und Gerichte des jeweiligen Landes. 

Alle Zutaten für einen „perfekten Tag" finden Interessierte im gleichnamigen Buch von Lonely Planet. Es ist quasi ein immerwährender Kalender für Globetrotter. Darin werden 365 großartige Dinge vorgestellt, die man auf dieser Erde tun könnte – aber jeweils nur an einem ganz bestimmten Tag, wenn man denn Zeit und Geld hätte. Es geht laut Vorwort darum, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, etwa Ende August in Valencia bei dem berühmten, aber etwas idiotischen Tomatenfest, denn nur an diesem Tag bewerfen sich Erwachsene mit rotem Fruchtfleisch. Das Münchener Oktoberfest ist dementsprechend auch in dem Bildband enthalten. Auf den Fotos sieht die Wiesn ganz hübsch aus, Gestank und Lärm kann man sich wegdenken. Die Buckelwale vor Tonga singen nur Mitte August und die Nilpferde im Nationalpark Loango kommen nur Ende Juni aus dem Wald, um zu baden und sogar zu surfen, oder dass in Deutschland am 18. März die Starkbierzeit beginnt. Überhaupt kommt unser Heimatland merkwürdigerweise nur in Sachen Bier vor …

Quellenangaben

Feste, Mythen, Rituale – Warum die Völker feiern, von Volker Sommer (GEO Verlag) 

Heilige Feste. Eine Reise um die Welt von Jeremy Hunter (Nicolai Verlag) 

Alte Bräuche neu gelebt von Isabella Hofmann-Mäher (Edition Emotion) 

Trommel Drache Bumerang – Projekte aus aller Welt für Kinder von Eva Hauck (Haupt Verlag) 

So isst die Welt. Entdecke fremde Länder und was dort auf den Tisch kommt von Giulia Malerba und Febe Sillani (Riva Verlag) 

Alles Gute, Christian Seiler

Essen – Kultur, Tradition, Herkunft. Die illustrierte Geschichte aus dem DK Verlag

Der perfekte Tag – 365 Abenteuer rund um die Welt (Lonely Planet) 

Was bedeutet Medizinpluralismus?

„Kaum ein Bereich ist besser geeignet, eine fremde Kultur zu erfassen, als die Medizin. Hier treffen sich Naturkunde und Philosophie, Ethik und Religion, Sprache und Literatur, Gesellschaft und Ökonomie, Technik und Handwerk.“

Prof. Paul Unschuld (deutscher Medizinhistoriker)


Medizinpluralismus meint die gleichzeitige Existenz von verschiedenen medizinischen Traditionen und das Vorkommen verschiedener medizinischer Praktiken und Meinungsvorstellungen innerhalb einer Gesellschaft, welche denselben therapeutischen Raum beanspruchen (vgl. Janzen 2002: 234). Janzen erkennt drei Typen von Medizinpluralismen: 

Die erste Annäherung spricht von zwei Medizinarten, wobei hier v.a. die Vorstellung der Biomedizin reflektiert wird. Es handelt sich hier zum einen um die Biomedizin, die in Krankenhäusern und Kliniken angewandt wird, institutionalisiert, offiziell, legal und professionell auftritt. Auf der anderen Seite ist die „alternative Medizin“ zu finden, welche aus dieser Perspektive peripher, inoffiziell, manchmal illegal und selten als professionalisiert betrachtet wird. Janzen spricht hier von einem asymmetrischen Pluralismus, da es eine klar dominierende und eine untergeordnete Stellung zwischen den beiden Medizintraditionen innerhalb derselben Gesellschaft gibt (vgl. Janzen 2002 : 234)

Die zweite Ansichtsweise betrachtet den Medizinpluralismus von einem professionalisierten und staatlich legitimierten Gesichtspunkt aus und ist symmetrischer als die vorige Beschreibung. Hier haben die unterschiedlichen Medizinen den gleichen Stellenwert innerhalb einer Gesellschaft (vgl. Janzen 2002: 234f). 

 
 Eine dritte von Janzen beschriebene Bedeutung meint, dass innerhalb einer Gesellschaft nur wenige definierbare Medizinsysteme zu finden sind. Es können aber Praktiken und Behandlungsformen erkannt werden, die von verschiedenen medizinischen Traditionen hergeleitet wurden. Hier werden Praktiken, Vorstellungen und Techniken von anderen Traditionen übernommen und adaptiert (vgl. Janzen 2002: 235).